Vom Traumjob zum Alptraumjob - Sechs Wochen als Tauchlehrer-Assistent auf Sizilien

„Viele Gründe sprechen für Cefalú. Vor allem die Tauchgründe.“ Mit diesen Worten wirbt das BARAKUDA DIVING CENTER um seine Gäste. Als ich mich im vergangenen Sommer immer mehr zwingen musste, in der Uni den einzelnen Vorlesungen zu folgen, entschloss ich mich, dort für sechs Wochen als Tauchlehrer-Assistent zu arbeiten. Den ganzen Tag am Strand in der Sonne liegen, zwischendurch ein paar schöne Tauchgänge begleiten und abends mit ein paar hübschen Taucherinnen an der Bar sitzen - so stellte ich mit den Tagesablauf vor. Das Tauchen auch harte Arbeit bedeuten kann, konnte ich mir nicht vorstellen…

Meine Erwartungen wurden anfangs auch nicht enttäuscht: Ich wohnte in einem schönen Haus mit großer Terrasse und Blick direkt aufs Meer, bekam Auto, Fahrrad und Vespa-Roller gestellt und lernte viele nette Leute kennen. Auch wenn ich jeden Morgen um 7.00 Uhr aufstehen musste, machte die Arbeit Spaß. Nachdem ich mit meiner französischen „Kollegin“ Vanessa die Basis für den Tauchbetrieb hergerichtet hatte, blieb noch genügend Zeit die ersten Sonnenstrahlen zu genießen, denn Wolfgang, der Basisleiter, kam erst gegen 9.00 Uhr zusammen mit den ersten Gästen. Dann hieß es Ausrüstungsgegenstände verteilen, damit um 10.00 Uhr das Boot ablegen konnte. Eine Stunde musste eingeplant werden, denn es gab immer einige Gäste die sich weder ihre Anzugsgröße noch die Anzahl der benötigten Bleigewichte merken konnten, so dass sie jeden Tag aufs neue die gesamte Kollektion der Basis durchprobierten bis sie zu dem Schluss gekommen sind, dass doch der erste Anzug am besten gepasst hat. Nachdem alle Taucher ihre Ausrüstung entgegengenommen hatten, wurde sie im VW-Bus verladen und ich musste kontrollieren, dass auch alles vollständig war. Dann fuhr ich zum Hafen, wo alles zum Boot gebracht wurde. Wenn es voll ausgelastet war, blieb ich an der Basis und begleitete Tauchgänge am Hausriff.

Dieses bot neben den Resten einer römischen Hafenanlage eine Vielzahl von Wirbellosen, wie Kraken, Sepien und Nacktschnecken in den schönsten Farben und Formen. Hier tauchten sogar Seehasen auf. Das sind Meeres-Nacktschnecken, die eine Länge bis zu 20 cm erreichen können. Dennoch war das Hausriff sehr fischarm, insbesondere Muränen waren hier selten. Dies kommt daher, dass Unterwasserjäger in Italien noch sehr aktiv sind. Selbst kleine Kinder schwammen in der Nähe des Strandes zwischen den Badenen mit ihren Harpunen herum und schossen auf alles, was sich bewegte. Jedoch nur wenige Hundet Meter neben dem Hausriff, am Kap Kalura, wimmelte es nur so an Fischen: Brassen, Mönchsfische, Lippfische… was wahrscheinlich auch der Grund ist, warum dort regelmäßig Barrakudas patrouillieren. Immer wieder sah ich einzelne dieser Räuber in die Fischschwärme schießen, die daraufhin explosionsartig auseinander schwammen. Auch wenn ich fast täglich mehrmals am Hausriff und am Kap Kalura tauchte, war es hier nie langweilig.

Nach dem Vormittagstauchgang hatte ich meistens noch genügend Zeit zum Relaxen, denn Wolfgang kam mit dem Boot erst gegen 13.30 Uhr wieder. Dann mussten die Ausrüstungen in Empfang genommen, gereinigt und zum Trocknen aufgehängt werden. Wenn ich damit fertig war, fuhr ich die Urlauber zurück zu ihren Hotels.

Mit dem VW-Bus durch die engen, verwinkelten Gassen Cefalús zu fahren war schon gewöhnungsbedürftig. Angstschweiß lief mir jedoch von der Stirn, wenn ich nach Palermo zum Flughafen musste. Eine Fahrt durch diese Stadt ist ein kleines Abenteuer: Fahrspuren werden nicht eingehalten und Ampeln scheinen nur zur Zierde angebracht worden zu sein. Da die Sizilianer offensichtlich nur die Ampelphasen „fast grün“, grün, gelb und „nicht ganz rot“ kennen, muss man jederzeit damit rechnen, dass auch bei grüner Ampel der Querverkehr nicht unbedingt zum Stillstand kommt. Die Hupe ist das gebräuchliche Verständigungsmittel und im Zweifelsfall verständigt man sich eben mit Handzeichen.

Glücklicherweise kam es nicht allzu häufig vor, dass ich nach Palermo musste. In der Regel war der Nachmittag für Tauchkurse verplant, d.h. ich schob ein Video in den Videorecorder und hatte erst einmal eine Stunde Zeit mich in die Sonne zu legen. Danach folgten praktische Übungen im Pool oder im Freiwasser. Stressig waren jedoch die „Discover-Diver“-Kurse, so eine Art Schnuppertauchen mit 2 Pool-Lektionen und einem Freiwassertauchgang, sowie der „Bubble-Maker“-Kurs, Kindertauchen ab 8 Jahre. Gerade die Kleinsten hatten aber, im Gegensatz zu den Erwachsenen, weder beim Maske ausblasen noch beim Druckausgleich Probleme und büffelten ohne Murren Tauchtheorie. Mit ihnen „blubberte“ ich dann Hand in Hand in maximal 3 m Wassertiefe am Ufer entlang.

Nach bestandenem OWD-Kurs erhielten die Erwachsenen eine zünftige Tauchertaufe. Kniend, mit Tauchermaske auf der Nase, mussten sie geloben, Neptun jeden Tag ein Opfer in Form eines Bieres darzubringen, was natürlich die Ausbilder bekamen. Danach erhielten sie Neptun´s Segen indem ihnen das erste Bier des Abends durch den Schnorchel verabreicht wurde.

Nach dem „Apré-Diving“ war der Arbeitstag aber noch lange nicht zu Ende. Erst wenn die letzten Gäste gegangen waren, durfte ich mit dem Flaschen füllen beginnen, so dass ich jeden Tag bis etwa 20.00 Uhr in der Tauchbasis war.

Am Abend traf ich mich meistens mit einigen Gästen. Manchmal kauften wir in Cefalú frischen Schwertfisch und grillten ihn bei mir auf der Terrasse, ein anderes mal heizten wir den Steinofen an oder wir verabredeten uns in ihren Hotels und ich bediente mich am Buffet. Danach gingen wir meistens in irgendeine Bar, so dass ich selten vor zwei Uhr nachts im Bett war. Es machte mir auch nichts aus, dass ich jeden Morgen wieder um 7.00 Uhr aufstehen musste.

Die ersten drei Wochen waren also so, wie ich mir den Job vorgestellt hatte: Spaß verkaufen und Spaß haben. Da ich jedoch eine 84-Stunden-Woche ohne freien Tag hatte, machten sich irgendwann die ersten Müdigkeitserscheinungen bemerkbar. Genau zu dieser Zeit kamen Manfred und Ruth Balzer nebst Kindern, die sich für zwei Wochen mit mir das Haus teilten. Ohne zu übertreiben würde ich sagen, dass Manfred und Ruth die bescheidensten und hilfsbereitesten Gäste waren, die ich während der 6 Wochen auf Sizilien kennengelernt hatte. Mit ihnen konnte man viel Lachen und wir saßen eigentlich jeden Tag bis in den frühen Morgen zusammen. Das Problem war nur, dass sie die Chef´s von BARAKUDA INTERNATIONAL und Gründer von Air Aqua-Reisen waren. Wolfgang wollte ihnen nun anscheinend irgend etwas beweisen und verwandelte sich plötzlich vom sympathischen Basisleiter in einen „knallharten“ Chef.

Mitte Juli wurde das Wetter Siziliens vom Schirokko, dem heißen Wüstenwind Nordafrikas, beeinflusst. Der regelmäßig am Vormittag einsetzende Wind und in seiner Folge die grobe Dünung, ließen die Sichtverhältnisse unter Wasser immer schlechter werden, so dass an Tauchen überhaupt nicht zu denken war. Im Gegensatz zum Chef, war ich darüber gar nicht so unglücklich, denn endlich hatte ich Zeit, Cefalú auch über Wasser kennenzulernen. Hier gaben sich Phönizer, Grichen und Römer, später Wandalen Ostgoten und Araber die Klinke in die Hand, bis Sizilien im 11. Jahrhundert von den Normannen unter Roger I. erobert wurde. Das in der Antike und unter den Arabern noch recht unbedeutende Cefalú erlebte nun einen ungeheuren Aufschwung. Viele Bauwerke aus dieser Zeit sind erhalten geblieben, wie die im Jahre 1131 vom sizilianischen König Roger II. in Auftrag gegebene Kathedrale, das heutige Wahrzeichen Cefalús. Auch in der Nähe der Tauchbasis, an der Spitze des Kap Kalura, ragen zwischen Kaktusfeigen und Agaven die Überreste eines alten normannischen Turms hervor. An diesem mystischen Ort soll in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts der berüchtigte Schwarzmagier Aleister Crowley mit seinen Jüngern geheimnisvolle Rituale abgehalten haben.

Aber nicht nur über Wasser findet man Zeugen der bewegten Vergangenheit, sondern auch unter Wasser. Taucher mit archäologischem Interesse können schon am Hausriff auf die Reste einer römischen Hafenanlage treffen. Hier sind große Teile des Meeresbodens mit Scherben übersät unter denen häufig Kraken anzutreffen sind. Ihr Versteck erkennt man schon aus einiger Entfernung an der Mauer aus kleinen Steinchen, Schneckengehäusen und Muschelschalen die sie geschmackvoll vor ihrem Versteck errichten. Auch große Drachenköpfe sind hier häufig anzutreffen. Da sie wenig Feinde haben, machen sie wenig Anstalten zu flüchten. Geht man jedoch zu sehr auf Tuchfühlung, stellen sie demonstrativ ihre stachelbewehrten Flossen auf. Besonders faszinierte mich aber ein kleiner Sepia, der kaum 10 Meter vom Strand sein Gelege bewachte. Fast jeden Tauchgang am Hausriff beendete ich mit einem Besuch bei dem kleinen Kerl.

Über 4 Wochen arbeitete ich nun schon ohne freien Tag von morgens bis spät abends in der Tauchbasis. Der Andrang an Gästen war manchmal so groß, dass ich überhaupt nicht zum Mittagessen kam. Als sich Ende Juli Vanessa ihr Bein verstauchte und auch Wolfgang krank wurde, war ich von den 3 Mitarbeitern der Basis der Einzige, der noch voll einsatzfähig war. In dieser Zeit kam es vor, dass ich, wenn ich von einem Tauchgang wiederkehrte, übergangslos die nächste Gruppe bekam. Allein am Nachmittag waren es manchmal drei Tauchgänge im Freiwasser plus Ausbildung im Pool. Mein Körper war dann bei den letzten Tauchgängen so ausgekühlt, das ich selbst bei 27° C Wassertemperatur fror. Es dauerte dann auch nicht lange, dass ich trotz der Hitze des sizilianischen Sommers eine heftige Erkältung mit Fieber bekam. Statt abends mit den Gästen durch die Bars zu ziehen, lag ich nun im Bett und trank heiße Zitrone, um für den nächsten Tag wieder einigermaßen fit zu sein.

Der Stress ging auch an Wolfgang nicht spurlos vorbei. Von dem netten Basisleiter, mit dem ich in den ersten Wochen allabendlich ein paar Bier trinken ging, war nicht mehr viel übrig. Vanessa und ich versuchten ihm in dieser Zeit so gut es ging, aus dem Wege zu gehen. Trotzdem musste ich weiterhin den „immer gutgelaunten Tauchguide“ spielen. Das gehörte zum Job. Als er aber Vanessa wegen irgendwelchen Nichtigkeiten „gefeuert“ hat, packte auch ich meine Koffer und mietete eine Wohnung in Cefalú. Zwei Tage später, nachdem ich mir bereits in Palermo ein Rückflugticket gekauft hatte, haben Wolfgang und ich aber noch einmal miteinander telefoniert. Das Ergebnis war, dass ich am folgenden Tag wieder mit Vanessa in der Tauchbasis arbeitete, den Rückflug verschob und meine TL-Assi-Ausbildung zu Ende bringen konnte. Der Krach war schnell vergessen und Wolfgang war wieder ganz der Alte. Abgesehen vom Lärm beim Flaschenfüllen und den drei großen „B´s“ (Basis, Boot und Bus putzen) machte die Arbeit wieder richtig Spaß und ich war sogar ein wenig traurig, als im August der Abreisetermin immer näher rückte.

Fazit der 6 Wochen auf Sizilien: Die Arbeit als Tauchlehrerassistent war sehr abwechslungsreich und bestand meistens aus Spaß. Obwohl es manchmal auch recht stressig werden konnte, würde ich jederzeit wieder auf einer Tauchbasis arbeiten!
Die 3 Toptauchplätze

Mein Lieblingstauchplatz, Capo Kalura, befindet sich in der Nähe der Hafenausfahrt von Cefalú. Man kann direkt vor der Tauchbasis ins Wasser gehen und taucht etwa eine halbe Stunde über das Hausriff mit seinen Resten einer römischen Hafenanlage Richtung Hafenausfahrt. Hier ziehen endlose Schwärme von Brassen und Mönchsfischlein vorbei und an guten Tagen kann man junge Barrakudas bei der Jagd beobachten. Ich zählte hier Schwärme mit über 70 dieser eleganten Tiere!

Der anspruchvollste Tauchplatz war das Campanari-Riff. Es liegt ziemlich weit draußen im offenen Meer und ist nur bei ruhiger See zu finden. Es handelt sich hier um eine ca. 20 m hohe Felssäule, die auf Sandgrund in 30 m Tiefe steht. Der Tauchplatz ist sehr fischreich, da das Gebiet von den Fischern mit ihren engmaschigen Netzen gemieden wird. große Fische, wie Zackenbarsche, sind dennoch äußerst selten. Dafür ist die Felswand üppig bewachsen. An ihr kleben Krustenanemonen, Hornschwämme, Seesterne und die für das Mittelmeer typischen Röhrenwürmer, die ihre Tentakel bei einer Annäherung durch den Taucher flugs in ihre Wohnröhre zurückziehen. Sie sind übrigens nahe Verwandte unseres Regenwurms. In den Spalten verbergen sich Kraken und Skorpionsfische und ab 20 bis 30 m Tiefe kann man sogar prachtvolle gelbe Gorgonien bewundern. Aufgrund des klaren Wassers und der Vielfalt des Lebens verschätzt man sich hier schnell in Tiefe und Zeit, so dass man fast immer am Rande der Nullzeit taucht.

Ein weiterer sehr interessanter Tauchplatz ist Finale di Polina. Die Ausfahrt dauert etwa 45 Minuten. Zwar ist hier der Fischreichtum nicht gerade üppig, doch wird man durch die interessante Unterwasserlandschaft entschädigt: Steilwände, wirre Felsformationen mit Überhängen und Tunneln machen „Finale di Polina“ unbedingt sehenswert. An einem Tag wurde hier sogar der Strand gesperrt, da angeblich ein Hai gesehen wurde.