Flott durchpflügt das Schlauchboot die spiegelglatte Ostsee. Mit Dieter am Steuer sind wir schnell am Tauchplatz angekommen, lassen uns fallen und tauchen ab.
Hier am Wohlenberger Wieck bei Beckerwitz wollten wir, d.h. knapp zwei Dutzend „Adlershofer“, Seehasen beobachten. Diese Fische mit gedrungenem, plumpen Körper kommen im Frühjahr zum laichen ins Flachwasser. Während der Laichzeit färbt sich ihr sonst weißlicher Bauch rot. Es war aber weit und breit war kein Fisch zu sehen, dafür aber Quallen. Einer pulsierenden Armada von Ufos gleich, trieben sie durchs Wasser. Große Quallen, kleine Quallen, weiße Quallen und rosa Quallen. Letztere waren mit ihren unzähligen, meterlangen Tentakeln und der rosa-gelblichen Färbung besonders attraktiv. Moment mal, das waren doch keine harmlosen Ohrenquallen, sondern nesselnde Feuerquallen! Jetzt hieß es möglichst geschickt ausweichen. Nach einer Dreiviertelstunde hatten wir genug von den Quallen und tauchten auf. Leider wurde die Verwendung der langen Signalboje – bei einigen als Paraschou bekannt – im Vorfeld nicht ganz eindeutig festgelegt, was Dieter später einige unruhige Minuten einbringen sollte. Er deutete die Signalboje von Detlef und Ingo als Notsignal. Das Thema „Boje“ wurde abends bei Bier und Grillfleisch nochmals gründlich und kontrovers debattiert.
Am nächsten Tag hatten wir einen Strand westlich von Boltenhagen auserkoren. Fünf Meter unter der Wasseroberfläche wurden wir Zeuge einer ökologischen Katastrophe. Der gesamte Boden war mit Rotalgen überwuchert. Es sah aus, als schwebe man über orange-braune Wolken.
Zurück auf dem Zeltplatz waren wir sehr froh, dass die angekündigten 80 Biker samt Verstärkeranlage nur eine Gerücht waren. Während die meisten den Tag bei einem kühlen Bierchen oder Rotwein ausklingen ließen, machten sich noch einige Unentwegte für einen Nachttauchgang bereit. Im Schein der Taschenlampen waren Aalquappen, Krabben, Flundern und gelegentlich sogar Seeskorpione zu sehen. Im Seegras versteckten sich Stichlinge und Ostseegarnelen. Hier und da gab es einen Seegrashalm, der sich partout nicht im Rhythmus der anderen bewegen wollte. Erst beim näheren Hinsehen entdeckte man am einen Ende zwei Augen und eine lange, röhrenförmige Schnauze, während sich das andere Ende um einen Halm gewickelt hatte. Es war eine Seenadel. Alles in allem war der Nachttauchgang wirklich lohnenswert.
Am Samstag wollten wir bei Steinbeck an einem malerischen Steilküstenabschnitt tauchen. Durch einen Fehler des Navigationssystems – oder hatte der Beifahrer nur die Karte falsch gedeutet? – standen plötzlich fünfzehn Autos in einem kleinen Ort, veranstalteten ein mittleres Verkehrschaos, wendeten und verschwanden wieder. Wenig später erreichten wir unser Ziel. Auf dem Parkplatz zog Dieter ein langes Gesicht, da das Boot beim besten Willen nicht an den Strand zu schaffen war. Es gab aber eine gute Einstiegsstelle vom Land aus. Unter der Meeresoberfläche waren hier Seenadeln, Flundern und auch Seesterne zu sehen. In die Kategorie „üppig“ fielen auch hier die Quallen.
Abends wurde Inventur in den Kühltaschen gemacht und alles auf den Grill geworfen was noch da war. Es war noch viel da! Zum Glück schienen einige mit Alf verwandt zu sein, der bekanntlich sieben Mägen hat, so dass im Laufe des Abends fast alles verzehrt wurde. Wer noch Lust auf einen Verdauungstauchgang hatte, fuhr zum Anleger bei Wohlenberg. Alles in allem war die Fahrt nach Beckerwitz eine gelungene Klubveranstaltung, auch wenn wir nicht einen einzigen Seehasen gesehen haben.
Erstveröffentlichung in „Adlershofer Flossenblätter“ Ausgabe 51/2003.
