Rette sich wer kann! Von Krokodilen und anderen heimischen Ungeheuern.

Alljährlich im Sommerloch taucht es auf: das Krokodil im Baggersee. Das Erste hieß 1994 „Sammy“. Einen ganzen Sommer lang hatte die Echse für bundesweite Schlagzeilen gesorgt. Der Kaiman war seinem Besitzer während eines Badeausflugs in einem Baggersee entwischt und erst nach mehreren Wochen wieder eingefangen worden.

Obwohl „Sammy“ viel zu klein war, um überhaupt den Mut zu fassen, einen Menschen oder auch nur einen Frosch zu verspeisen, erfasste eine Panikwelle die Republik. „Alarm am Baggersee“ titelten die Zeitungen. Den größten Medienrummel um ein Krokodil gab es dann im Sommer 2001: Am 24.06. sichtete ein Radfahrer im Rhein ein etwa eineinhalb Meter langes Krokodil. Zwei Tage später wurden 113 Kilometer flussabwärts frühmorgens bei der Rheininsel Mariannenaue zwei neue Sichtungen des Untiers gemeldet, wobei es sogleich auf drei Meter Länge angewachsen ist. Was für eine Geschichte! Ein Reptil aus dem fernen Afrika – hinterhältig und von todbringenden Legenden besetzt – macht unseren Rhein unsicher! Der Landrat des Rheingau-Taunus-Kreises erließ sogleich ein Badeverbot für die hessische Rheinseite. „Rheinhard“, wie die Riesenechse aus dem Rhein werbewirksam getauft wurde, blieb dann aber über eine Woche auf Tauchstation. Das letzte mal ließ sich der Schuppenknecht am 02.07.2001 nahe Bingen blicken.

Im vergangenen Jahr sichteten dann zwei Angler pünktlich zum Sommerloch (auch als Saure-Gurken-Zeit bekannt) erneut ein Krokodil in einem See in Baden-Württemberg. Die Polizei nannte die Schilderungen der beiden Männer äußerst glaubhaft und so wurde der See im Laufe des nächsten Tages mehrere Stunden lang von ca. 150 Einsatzkräften von THW, Feuerwehr, DLRG und sogar Rettungshundestaffeln des Arbeiter-Samariter-Bundes nach „Schnappi“ abgesucht. Auch ein Polizeihubschrauber, ausgestattet mit Wärmebildsensoren, kam zum Einsatz. Die Kosten trägt der Steuerzahler.

Hier muss festgestellt werden, dass ein Krokodil im Rhein anscheinend so ungewöhnlich gar nicht ist. Laut Bild-Zeitung soll 1929 ein Krokodil im Rhein gefangen und in den Zoo gebracht worden sein und bereits 1914 hat der Fischer Gustav Meisch angeblich eine Schuppenechse bei Plittersdorf am Rhein aus seinen Netzen gezogen. Und nur wenige Tage nach der Sichtung des Rheinkrokodils „Rheinhard“ fischte die Wiener Feuerwehr angeblich ein 70 cm langes Krokodil aus dem Donaukanal und brachte es in den Tiergarten Schönbrunn.

Woher kommen nun all diese Panzerechsen? Es kursiert der Großstadt-Mythos, dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kleine Krokodile und Alligatoren als exotisches Status-Symbol hoch im Kurs standen. Jedes Kind, so schien es, musste einfach einen haben. Aber schon bald wurden die Tiere den Kindern langweilig und sie spülten sie in der Toilette herunter. Einige der Schuppenechsen sollen überlebt haben und noch heute durch die Abwasseranlagen unserer Städte kriechen, wobei sie sich von Ratten ernähren. Diese Vorstellung ist interessant, spannend und grausig und spricht unsere Urängste an, unsere Faszination für das verborgene Unbekannte, das unter der zivilisierten Oberfläche lauert. Denn die Kanalisation ist dunkel, stinkend und nur wenige bekommen sie zu Gesicht.

Bei „Schnappi“ handelte es sich aber aller Wahrscheinlichkeit nach „nur“ um einen Riesenwels. Dies teilte jedenfalls ein Sprecher der Gemeindeverwaltung Ertingen nach der erfolglosen Suchaktion mit. Insbesondere das an dem See seit geraumer Zeit keine Blesshühner mehr gesichtet wurden, spreche dafür, dass dort ein Wels sein Jagdrevier hatte. Der Bürgermeister versicherte, dass von dem Raubfisch keinerlei Gefährdung ausgehe, doch erinnern wir uns an Kuno, den Killer-Wels aus Mönchengladbach, der im Herbst 2001 einen jungen Dackel verspeist haben soll! Ob die Leine gerissen ist oder aber der Wels gleich noch die Oma am anderen Ende gefressen hat, wurde leider nicht überliefert…

Aus diesem Vorfall nicht gelernt, hat ein Dackel aus Steina in Sachsen. Medienberichten zufolge machte sich im vergangenen Sommer wieder ein Riesenwels über einen Dackel her. Im Gegensatz zu den Kollegen aus Baden-Württemberg wurde in Sachsen die Welsattacke aber sehr ernst genommen. Die ansässige Tauchbasis fürchtete um die Gesundheit ihrer Kunden, denn erfahrungsgemäß holen sich die zwei bis drei Meter langen Raubfische immer den kleinsten oder langsamsten Taucher aus einer Gruppe.

Es lauern aber nicht nur Krokodile, Alligatoren und Killerwelse auf uns Taucher. Immer wieder kippen überdrüssige Besitzer von Fischen den Inhalt ihres Aquariums in unsere heimischen Seen und so kann es schon passieren, dass wir uns schon mal einen bissigen Piranha gegenübersehen. Nach Ansicht von „Experten“ überwintern diese Fische in der Nähe von Kraftwerken.

Ob Piranha-Alarm oder Krokodiljagd – die Medien führen uns glücklicherweise immer wieder vor Augen, dass wir Taucher auch in Deutschland überall auf gefährliche Tiere treffen können. Und das nicht nur unter Wasser: Erst neulich wurde ich von einem echten Jaguar auf der Stadtautobahn überholt.

Erstveröffentlichung in „VEST-Kurier“ Ausgabe 05/2006.

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