Teil 1: Zu Besuch beim Alfred-Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung.
Der Himmel war bewölkt, das Meer ruhig. Dennoch konnten es ein paar Passagiere nicht lassen, ihr Frühstück unfreiwillig auf der Fähre zu entleeren. Vereinzelt tauchten ein paar Möwen auf, ein Zeichen, dass sich die Fähre Helgoland näherte. Rund 70 km vom Festland entfernt erhebt sich der mächtige rote Buntsandsteinfelsen aus dem Wasser. Ich wollte für ein paar Tage Julia besuchen, die hier ein mehrwöchiges Praktikum bei der Biologischen Anstalt Helgoland des Alfred Wegener Instituts für Polar- und Meeresforschung absolvierte.
Deutschlands einzige Hochseeinsel bietet ideale Bedingungen für die meeresbiologische Forschung. Der untermeerische Felsabhang wird von zahlreichen Wassertieren und –pflanzen besiedelt, die roten Sandsteinfelsen benutzen Tausende von Trottellummen als Brutplatz und auf der Helgoländer Düne tummeln sich Seehunde und Kegelrobben. Untersucht werden hier hauptsächlich die Lebenszyklen von maritimen Organismen wie Algen, Krebsen und Muscheln in der Nordsee und anderen flachen Meeren. Die Untersuchungen in den Gewässern rund um Helgoland werden durch Experimente und Zuchtversuche in den Laboratorien der Biologischen Anstalt Helgoland ergänzt. Ein Arbeitsschwerpunkt sind Laborversuche zur Zucht und Lebensweise des bis zu 1 m langen Europäischen Hummers und der Taschenkrebse. Letztere habe ich dann nicht nur in den heiligen Hallen des Forschungsinstituts sehen können, sondern auch beim Schnorcheln im Meer und abends garniert mit einem Stück Petersilie auf meinem Teller.
Der „Knieper“ – das sind die Scheren des Helgoländer Taschenkrebses – sind eine Inselspezialität. Dass es den Helgoländer Knieper heute in ausreichender Anzahl gibt und die noch vor einigen Jahren bestehende Bedrohung des Aussterbens gebannt ist, ist vor allem der Biologischen Anstalt Helgoland zu verdanken. Hier erforschten Wissenschaftler die Gründe, die zum Rückgang der Taschenkrebspopulation geführt haben und sichern durch das kontinuierliche Aussetzen von Jungtieren langfristig den Bestand in der Nordsee.
Die wohl berühmtesten Unterwassergesellen Helgolands sind neben Hummer und Taschenkrebs aber die Robben. Etwa 70 bis 80 Kegelrobben und 200 bis 300 Seehunde leben hier. Bis auf wenige Meter konnten wir uns den Tieren nähern. Darunter waren auch Mütter mit ihren Jungen. „Wenn ihr im Wasser seid, taucht nicht zu nah ran“, wurden wir ermahnt. „Die Männchen können ziemlich aufdringlich werden.“ Die Keggelrobbe ist mit bis zu 300 kg immerhin das größte Raubtier Deutschlands. Kaum zu glauben, wenn man sah, wie friedlich sie am Strand in der Sonne dösten und gelegentlich mal einen Blick zu uns riskierten.
Wir zogen unsere Neoprenanzüge an und gingen ins Wasser. Obwohl Mitte Juli war das Wasser eiskalt und die Sicht ziemlich schlecht. Etwa 100 m vom Ufer entfernt schnorchelten wir über eine große Kelpwiese. Ab und zu schwamm eine Kompassqualle vorbei. Sie ist das Wappentier der Biologischen Anstalt Helgoland. Dann plötzlich umkreisten uns die schwarze Silhouetten der Robben, wobei sie den Radius von mal zu mal verringerten. Zunächst näherte sich ein ausgewachsener Bulle, dann auch die kleineren Weibchen.
Ein paar Mal schwammen neugierige Robben direkt vor die Taucherbrille, doch ehe ich ein vernünftiges Bild aufnehmen konnte, waren sie schon wieder verschwunden. Irgendwann hatten sich die Tiere jedoch an unsere Anwesenheit gewöhnt und verloren ihre anfängliche Scheu. Die Robben kamen bis auf Armlänge heran, bissen und zogen an den Taucherflossen und begannen sogar unsere Bewegungen nachzuahmen. Wenn man sich duckte, drehte oder wendete – sie machten alles nach. Es fiel schwer, das Spiel zu beenden und sich von den niedlichen Säugern zu verabschieden.
(Fortsetzung folgt)
