Im Juni 1996 verbrachte ich einige Tage in der britischen Kronkolonie Hongkong und der portugiesischen Überseeprovinz Macao. Im nächsten Jahr, genau genommen am 1. Juli 1997, fällt Hongkong zurück an die Volksrepublik China. Strenggenommen fiele nur die britische Souveränität über die New Territories sowie über 236 weitere zu Hongkong gehörenden Inseln an China zurück. Da das restliche Hongkong aber auf dieses Hinterland angewiesen ist und allein kaum überlebensfähig wäre, einigten sich Großbritannien und China in zweijährigen Verhandlungen auf die Rückgabe auch jenes Teils der Kronkolonie, der von China mit dem am 29. August 1842 geschlossenen Abkommen von Nanking eigentlich „auf immer und ewig an Ihre Majestät, die englische Königin“ abgetreten worden war.
Was kommt nach 1997? Die Hongkong-Chinesen sehen gelassen in die Zukunft: „1998“ sagt der optimistische Teil der Bevölkerung und meint damit, dass sich auch nach dem Besitzerwechsel nichts ändern wird. Es wurde von China zugesagt, dass sie für weitere 50 Jahre wie bisher leben dürfen. Hongkong ist vielleicht das Modell für das zukünftige China.
Schon der Anflug auf den Flughafen Kai Tak war ein besonderes Erlebnis. Ich hatte den Eindruck, dass die Tragflächen unserer Boing 747 jeden Moment die Dächer der Hochhäuser und Wolkenkratzer berühren würde. Denn vor dem Aufsetzen muss der Pilot je nach Windrichtung weite und enge Kurven dicht über den Wolkenkratzern der Stadt ziehen. Die Landung ist nicht unbedingt etwas für schwache Nerven, doch Kai Tak ist gerade deshalb einer der am besten ausgebauten und mit den modernsten Flugsicherungsanlagen ausgerüstete Flughafen der Welt. In den Fliegerbar erzählt man sich, es sei schon manch einer gelandet mit Wäscheleinen und Unterhosen am Fahrwerk.
Kai Tak liegt am Rande von Kowloon und ist von dort in kurzer Zeit zu erreichen. Mit Mühe drängte ich mich entlang der Nathan Road bis zur Boundary Street, der nördlichen Grenze von Kowloon. Wir werden von Reklametafeln förmlich erschlagen. Auf der Halbinsel Kowloon drängen sich stellenweise rund 250.000 Menschen auf einem Quadratkilometer. Nach wenigen Kilometern erreichen wir das geschäftige Stadtviertel Mong Kok, wo in der kleinen Hong Lok Street der farbenfrohe Vogelmarkt von Hongkong zu finden ist. Ein Besuch ist besonders am Vormittag zu empfehlen. Wolkenkratzer von Banken, Luxushotels, Gold- und Jadegeschäfte und dichter Verkehr mit teuren Autos prägen das Stadtbild. Aber auch winzige Verkaufsstände, Imbissverschläge und Wahrsager sind zu finden.
Aberglaube und Magie spielen eine wichtige Rolle im täglichen Leben der Hongkong-Chinesen. So wird bei jedem Hausbau oder Umzug ein Experte für Feng Shui zu Rate gezogen. Er berechnet anhand astrologischer Tafeln nach der Lehre von Yin und Yang die Kräfte der Elemente (Wind, Wasser, Himmel, Erde, Ströme und Strahlen) und damit die günstigste Lage von Haus und Wohnung. Folgt man seinem Rat, so der Glaube, folgen Glück und Reichtum. Feng-Shui-Experten gehören zu den bestbezahlten Männern in Hongkong. Ein australischer Architekt, der an der Repulse Bay ein riesiges Geschäftshaus an einem Abhang baute, war der Meinung auf den Rat der Feng-Shui-Meister verzichten zu können. Feng-Shui-Experten wiesen den Architekten darauf hin, dass in dem Hügel hinter dem Neubau ein Drache wohne, dem man den Blick aufs Meer nicht versperren dürfe. Der Architekt missachtete die Bedenken und begann mit dem Bau des Hochhauses. Als die chinesischen Geldgeber davon erfuhren, zogen sie sich sofort vom Projekt zurück. Was sollte der Architekt tun? Er baute das Haus nun so, dass in der Häuserzeile des Bürogebäudes ein überdimensionales Loch freiblieb. Wenn das auch einen Verlust von etwa 2.000 m² Fläche zur Folge hatte, so waren doch alle zufrieden. Der Drache war glücklich, dass er wieder ungehindert das Meer sehen konnte, die Chinesen waren glücklich, dass der Drache zufrieden ist und der Architekt gewann mit seinem Haus sogar einen Architektenpreis.
Auch bei scheinbar höchst profanen Dingen wie dem Glücksspiel verlässt man sich auf das Wohlwollen der Schutzgötter. Joss ist im Kanton-Chinesisch das Wort für Glück im Spiel und im Geschäft. Glücksspieler zieht es in der Regel nach Macao, der portugiesischen Provinz am Perlfluss. Die winzige Überseeprovinz Portugals konnte zu keiner Zeit mit dem dynamischen Hongkong konkurrieren. Dem Casino de Lisboa verdankt Macao die Bezeichnungen „Las Vegas des Orients“ oder „Monte Carlo des Fernen Ostens. Hier können die Glücksspieler ihrer Leidenschaft rund um die Uhr frönen. Für viele Besucher von Macao ist der Spielbetrieb die einzige Attraktion. Oft werden ganze Monatsverdienste gesetzt – und nicht selten verloren. Pech im Spiel wird meist auf die Missgunst einer der zahlreichen Gottheiten zurückgeführt, nicht etwa auf die Gesetze der Mathematik oder Stochastik.
Im Gegensatz zu Hongkong endete die Souveränität der Kolonialherren über dieses Gebiet bereits 1974. Von da an war Macao wieder chinesisches Territorium, aber unter portugiesischer Verwaltung. 1987 sind Portugal und die Volksrepublik China übereingekommen, Macao am 20. Dezember 1999 wieder chinesischer Verwaltung zu unterstellen.
Es bleibt zu hoffen, dass Hongkong und Macao auch unter chinesischer Herrschaft ihre Eigentümlichkeit bewahren werden. Ich bin froh, dass ich beide Städte noch vor ihrer Rückgabe an die Volksrepublik China besuchen konnte.
