Spätestens seit Steven Spielbergs Film „Der Weiße Hai“ in die Kinos kam, teilen sich die Menschen, die ans Meer fahren, in zwei Lager: Die einen hoffen nie einem Hai zu begegnen, die anderen dagegen wollen unbedingt ein Exemplar sehen. Ich gehöre eindeutig zu Letzteren. Beeinflusst vom Mythos des Films versuche ich, wo immer es geht, mit den eleganten Meeresräubern zu tauchen und so zog es mich im September wieder zum Weißhaitauchen nach Südafrika. Zum Tauchen mit dem Großen Weißen gibt es weltweit wohl keinen besseren Ort als das südafrikanische Gansbaai. Das kleine Städtchen gilt als die „Hauptstadt der Weißen Haie“. Die Haie können hier das ganze Jahr hindurch beobachtet werden.
Nachdem wir unweit von Dyer Island den Anker geworfen hatten, wurde der erste Köder ins Wasser geworfen. Schon wenige Minuten später durchstieß der erste Hai mit dem Köder im Maul die Wasseroberfläche. Aufgrund des trüben Wassers war er erst in letzter Sekunde zu sehen. Mit nur einem Biss durchtrennte er die Köderleine. So urplötzlich wie der Hai auftauchte, war er auch wieder verschwunden.
Eilig wurde der Haikäfig ins Wasser gelassen und ich stieg hinein. Das Wasser war kalt und die Sicht betrug höchstens zwei bis drei Meter. Ich versuchte in alle Richtungen gleichzeitig zu schauen. Kälte sickerte durch meinen Neoprenanzug. War ich zehntausend Kilometer geflogen, um mir in einem Meer voller stinkender Fischköder den Arsch abzufrieren?
Dann nahm ich eine Bewegung wahr. Irgendetwas bewegte sich vor dem blauen Hintergrund, etwas Dunkles. Plötzlich zeigte sich der massige Körper eines etwa 3 bis 4 m langen Weißen Hais. Unter der Oberfläche schüttelte der Hai seinen Kopf hin und her und sägte so mit seinen dreieckigen, gezackten Zähnen ein großes Stück Fleisch aus dem Köder. Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück als der Fisch nur etwa einen Meter vom Käfig entfernt vorbeizog. Ich hielt die Luft an und mein Verstand sagte: Menschen gehören nicht ins Wasser zu Weißen Haien!
Den ganzen Tag zeigte sich der Atlantik von seiner stürmischen Seite. In endloser Folge rollten meterhohe Wellen unter dem Boot hinweg. Die Reling hob sich weit zum Himmel und neigte sich dann tief Richtung Wasser. Ich klammerte mich an die Metallstangen des Haikäfigs, um mich gegen die heftigen Stöße der rauen See zu wappnen, die den Käfig durchschüttelten. Das Boot machte Korkenzieherbewegungen und ich kämpfte damit, meinen Mageninhalt in mir zu behalten. Ich verlor und mein Frühstück fand bei den Fischen dankbare zweite Abnehmer. Weniger glücklich waren meine Tauchpartner im Käfig…
Auch wenn das Weißhaitauchen ein unvergessliches Erlebnis ist, war ich an diesem Tag heilfroh, als es wieder heimwärts ging. Genug der Haie, genug der Wellen, genug der Warterei im kalten Wasser. Bloß bald wieder festen Boden unter den Füßen!
Doch schon am nächsten Tag zog es mich wieder zu den Wellen – diesmal zum surfen. Ich könnte das Gefühl, hier 100 m vom Ufer entfernt auf dem Brett rumzupaddeln, als „gewisses Unbehagen“ beschreiben, doch ich sag´s ganz ehrlich: Ich hatte eine Scheißangst, dass so ein Hai ankommt und mich anknabbert. Die Silhouette eines auf einem Surfbrett liegenden Menschen ähnelt sehr stark der von Robben, der Lieblingsspeise der Weißen Haie. In meinem Kopf meldete sich unwillkürlich der berühmte „dum-da-dum-da“-Rhythmus aus der Eröffnungssequenz des Films „Der Weiße Hai“. Das Wissen, dass es wahrscheinlicher ist, von einer Kokosnuss erschlagen zu werden, als von einem Hai gebissen, half mir nicht weiter, denn in Kapstadt gibt es keine Kokospalmen! Auch sonst hatte ich die Statistik gegen mich: Bei 93 % aller Angriffe sind die Opfer männlich. Wo bleibt hier die Gleichberechtigung Mädels?
Zur Sicherheit der Surfer patrouillieren am Strand sog. „Sharkspotter“, die sofort Alarm schlagen, wenn sich ein Hai nähert. Dann wird der Strand gesperrt und eine weiße Fahne – die Spotterplane – mit einem Haisymbol gehisst. Weht eine rote Fahne, so bedeutet dies, dass vor wenigen Stunden ein Hai gesichtet wurde; ist sie schwarz, dann ist das Wasser zu trüb, um verlässliche Angaben zu machen. Glücklicherweise wehte die grüne Fahne, d.h. die Sicht war gut und kein Hai in Sicht. Den ganzen Tag über gab es aber keinen Alarm, zumindest nicht soweit, dass ich es mitbekommen hätte. Als ich aus dem Wasser kam wehte nach wie vor die grüne Fahne. Doch am nächsten Tag waren die Bedingungen nicht ganz so optimal. Es herrschte Shark-Condition Black. Diesmal ging ich nicht ins Wasser, sondern setzte mich an eine Bar, trank ein Bier und nahm mir vor zu Hause in Deutschland wieder einmal „Der Weiße Hai“ aus dem Videoregal zu holen.
