Flugzeugpuzzle auf dem Ostseegrund

Anfang 1945 intensivierten die britischen und amerikanischen Befehlshaber ihre Luftangriffe auf Deutschland. Churchill und Roosevelt hatten dem sowjetischen Bündnispartner zugesichert, den Vormarsch der Roten Armee Richtung Berlin mit allen Mitteln zu unterstützen. Allein im Februar flogen die Alliierten 43 Präzisionsangriffe auf große Industriezentren und legten durch Flächenbombardements deutsche Innenstädte in Schutt und Asche: Essen, Dortmund, Mainz, Nürnberg, München und Dresden.

Am Morgen des 3. Februar 1945 war Berlin an der Reihe. Von der Nordsee kommend, nahmen 1.003 sogenannte „Fliegende Festungen“, geschützt von 575 Mustang-Jägern, Kurs auf die Reichshauptstadt. In 9.000 m Höhe dröhnten die Bomber heran. Vom Boden aus waren sie nur als silberne Punkte in perfekter, gleichmäßiger Formation zu erkennen. Aus ihren Plexiglaskuppeln sahen die Navigatoren das deutsche Abwehrfeuer in schwarzen Wölkchen neben sich verpuffen.

Bei gutem Wetter war Berlin ein leichtes Ziel. Der Reihe nach klinkten die Bomber die todbringende Last aus und drehten dann in aller Ruhe wieder ab. Die Bombenlast verwandelte Berlin in eine brennende Hölle. Das Inferno, das sie mit ihren Brand-, Spreng- und Splitterbomben auslösten, sahen die Besatzungen nicht mehr. „Bombs away. Doors closing. Let´s get the hell out of here.”

Schätzungsweise 470.000 Tonnen Munition gingen insgesamt im Zweiten Weltkrieg über Berlin nieder. Zwischen 5 bis 15 Prozent davon blieben als Blindgänger liegen. Immer wieder finden wir während der Tauchgänge Munition. Die spektakulärsten Funde hatten wir im Juli 2004 im Müggelsee. Innerhalb von 3 Wochen fanden Taucher des Tauchsportklubs Adlershof hier in nur 2,5 m Wassertiefe mehr als ein Dutzend 50-kg Fliegerbomben. Es stellte sich heraus, dass es sich um einer der größten Funde dieser Art in der Berliner Nachkriegsgeschichte handelte. Sowohl im Fernsehen, im Radio und in den Tageszeitungen, zum Teil sogar auf ihren Titelseiten, darüber berichtet.

Auf dem Großen Müggelsee wurden Ende des Zweiten Weltkrieges Flöße mit Häuserattrappen aus Aluminium errichtet, um die englischen und amerikanischen Bomberpiloten zu irritieren. Man wollte so das für Berlin wichtigste Wasserwerk in Friedrichshagen vor der Zerstörung schützen und die alliierten Bomber von diesem Ziel ablenken.

Nicht alle alliierten Flugzeuge erreichten ihr Ziel. Vor Stolteraa bei Warnemünde liegt das Wrack eines englischen Bombers, wahrscheinlich eines Avro 683 „Lancaster“-Bombers, dem wohl berühmtesten schweren Bomber der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg. Lancasters wurden neben Nachtangriffen auf deutsche Städte auch auf speziellen Bombenmissionen eingesetzt, wie etwa bei der Versenkung des deutschen Schlachtschiffes Tirpitz oder der Bombardierung von Hitlers Zuflucht in Berchtesgaden. Insgesamt flogen die Lancaster-Bomber im Zweiten Weltkrieg über 156.000 Einsätze. Lancaster-Bomber konnten maximal 6,35 Tonnen Bomben mitführen. Die normale Abwehrbewaffnung bestand aus acht 7,7 mm Maschinengewehren die in Zwillingstürmen in der Nase bzw. auf der Rumpfoberseite sowie in einem hinteren Vierlingsturm installiert waren.

Die Reste des Flugzeugwracks liegen etwa 1,5 Seemeilen westlich vom Leuchtturm Warnemünde in 6 m Tiefe auf dem Ostseegrund. Die genaue Position ist mit einer Wracktonne gekennzeichnet. Für sportliche Taucher ist dieser Tauchplatz auch von Land zu erreichen. Beim Tauchen am Wrack ist besondere Vorsicht geboten, da von Zeit zu Zeit Munition der Bordgeschütze freigespült wird. Diese ist zwar schon mehrfach von Munitionsbergungsdienst beräumt worden, der Vorrat scheint aber noch nicht aufgebraucht zu sein.

Vom Bomber selbst ist aber nicht mehr viel übrig. Ist man an der Wracktonne angekommen und taucht zurück in Richtung Strand, so gelangt man zu ein paar Schrotteilen. Sie sind längst bewachsen und Heimstadt zahlreicher Grundfische geworden. Der erste Eindruck ist recht enttäuschend. Die Flugzeugreste sind in vielen kleinen Teilen über eine Fläche eines halben Fußballfeldes zerstreut. Doch auch Teile vom Motor, dem Fahrwerk und die Gitterkonstruktion der Tragflächen sollen noch zu finden sein, und so spielt man hier das beliebte „Flugzeug-Puzzle“ – die Suche nach weiteren Flugzeugteilen…

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