Die versunkene Stadt im Werbellinsee

Wohl jeder von uns kennt die Geschichte vom mächtigen Inselreich Atlantis, das an einem Tag und in einer Nacht in den Tiefen des Meeres verschwunden sein soll. Das gleiche Schicksal wird der sagenhaften Stadt Vineta nachgesagt, die angeblich irgendwo vor Usedom und Wollin auf dem Grund der Ostsee ruht. Hunderte von Büchern gibt es zu diesem Thema. Atlantis und Vineta werden als überaus reiche Städte beschrieben, deren Einwohner mit zunehmenden Reichtum moralisch verfielen. Dafür traf sie der Zorn Gottes, und die üppigen Städte wurden urplötzlich vom Meer verschlungen.

Ich staunte aber nicht schlecht, als ich in einem Buch über deutsche Volkssagen eine Geschichte über eine versunkene Stadt im Werbellinsee fand. Da es vor einigen Hundert Jahren noch kein Urheberrecht gab, ist es nicht weiter verwunderlich, dass eine Version von einer reichen Stadt berichtet, deren Bewohner aus goldenen Bechern tranken, von goldenen Tellern aßen und Schuhe aus purem Silber trugen. Ihr Reichtum verführte die Bürger jedoch zu Übermut, Hartherzigkeit und lockerem Lebenswandel. Der Legende nach ist eines Tages ein Bettler in die Stadt gekommen. Trotz des großen Reichtums gab ihm niemand auch nur ein Stückchen Brot. Erst am letzten Haus der Stadt wurde er erhört. Dort versorgte ihn ein gütiger Mensch mit Speise und Trank und spendete ihm Trost. Daraufhin verlies der Bettler die Stadt. In der folgenden Nacht träumte der gute Mensch, dass auch er die Stadt so schnell wie möglich verlassen muss, was er auch gleich tat. Unterwegs merkte er, dass er etwas wichtiges vergessen hatte und kehrte um. An der Stelle der Stadt fand er aber nur noch einen großen See – den Werbellinsee.

Einer anderen Sage nach befand sich in der Mitte der Stadt Werbellow ein Schloss, dass rings von Wasser umgeben und nur über eine Zugbrücke zu erreichen war. Der Herr des Schlosses war ein böser Zauberer, der nur selten Fremde empfing. Als eines Tages eine alte Frau ins Schloss hinein wollte, trieb der Herr sie zurück. Daraufhin verfluchte sie ihn mit den Worten: „Ich will zurückgehen, aber du sollst untergehen!“

Zu dieser Zeit befand sich ein Fremder in der Stadt, der ein gottesfürchtiger Mann war. Die alte Frau wollte seinen Untergang nicht auch noch herbeiführen. Sie ging deshalb zu ihm und sagte, er solle eilig die Stadt verlassen, weil sie bald untergehen würde. Da packte der Fremde schnell seine Sachen zusammen und ging mit seinem Bediensteten davon. Auch er war einwenig vergesslich und schickte seinen Diener zurück. Der kam nach kurzer Zeit wieder und sagte, die Stadt und das Schloss seien spurlos verschwunden, und an deren Stelle sei ein großer See entstanden.

Noch heute soll es Sonntagskindern vergönnt sein, am Johannistag zur Mittagsstunde die Glocken der Stadt läuten zu hören. Außerdem soll Jahr für Jahr eine „weiße Frau“ aus den Wogen des Werbellinsees steigen, die sich ein männliches Opfer holt. Vorher geschehen aber allerhand ungewöhnliche Ereignisse, die den Tod ankündigen.

Auch die Vineta-Legende endet so ähnlich. Die silbernen Glocken der Stadt soll man noch jeden Abend, wenn kein Sturm auf See ist, hören, wie sie tief unter den Wellen läuten. Nach einer anderen Überlieferung erscheint auf der Stätte des ehemaligen Vineta ein gespenstiges Nebelschiff, welches selbst die Lotsen irreleitet. Ohne Gnade wird das Schiff an den Felsen geworfen, an denen es rettungslos zerschellt, und keiner der Seeleute kann aus den Wellen sein Leben retten.

Was ist aber wahr an der Sage von der verschollenen Stadt im Werbellinsee? Von einem mittelalterlichen Herrensitz zeugen heute Pfahlbauten nordöstlich der alten Fischerei in Altenhof. Dieses große Feld eichener Pfähle sowie frühgeschichtliche Scherbenfunde deuten auf eine Ansiedlung hin. Um das Jahr 1350 verschlang ein großer Brand dass Schloss auf den Pfählen und so entstand wahrscheinlich die Sage von der untergegangenen Stadt Werbellow.

Erstveröffentlichung in „Adlershofer Flossenblätter“ Ausgabe 45/2001.

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