Der Piratenschatz im Herzen Berlins

Eine Geschichte über einen Piratenschatz beginnt meist auf einer einsamen Insel oder an einem geheimnisvollen Wrack irgendwo in der Karibik. Etwas abwegig erscheint dagegen die Annahme, dass ein Piratenschatz auch fernab der Meeresküste im Herzen Berlins verborgen sein könnte. Doch in Wilmersdorf soll es einen geben: den Piratenschatz vom „Roten Brant“.

Um 1700 war Wilmersdorf noch eine kleine Siedlung in der Mark Brandenburg. Sie war umgeben von Feldern, Wiesen und Seen. Das Dorf zählte nur wenige Bauernhöfe. Das Rückgrat der Landwirtschaft war eine ausgedehnte Schafzucht. Im Halensee und im Wilmersdorfer See betrieben die Bauern Fischfang. Bis 1708 musste der Wilmersdorfer Pfarrer das relativ weit entfernte Lietzow, das heutige Charlottenburg, mitversorgen. Daher hieß die heutige Brandenburgische Straße damals Priesterweg. Mit der Berliner Residenz verband die Wilmersdorfer seit dem 16. Jahrhundert der „Churfürstendamm“.

Kurfürst Joachim II. hatte schon bald nach der Erbauung des Jagdschlosses am Grunewaldsee im Jahre 1542 durch das sumpfige Gelände einen Verbindungsweg zum Berliner Schloss anlegen lassen, der vor allem von den kurfürstlichen Jagdgesellschaften benutzt wurde. Sie konnten sich unterwegs mit der berühmten Wilmersdorfer Schafsmilch stärken.

Inmitten dieser idyllischen Landschaft lebte ein sommersprossiger Junge namens Peter Brant, der wegen seines roten Schopfes auch „Roter Brant“ gerufen wurde. Peter nahm es mit dem Eigentum fremder Leute nie so ernst und stahl alles, was nicht niet- und nagelfest war. Er wuchs heran, und das Maß seiner Übeltaten nahm überhand. Deshalb wollte ihn die Obrigkeit zur Verantwortung ziehen. Doch Peter erfuhr rechtzeitig davon und setzte sich bei Nacht und Nebel schnellstens ab.

Die weite Welt wurde nun seine neue Heimat. Rasch fand er ein neues Betätigungsfeld – die Piraterie. In der Nähe der Azoren glückten ihm früh einige gewinnbringende Überfälle. In einem alten Bericht ist von vielen Schiffen die Rede.

Als der „Rote Brant“ ausreichend Schätze zusammengerafft hatte, zog es ihn in seine alte Heimat zurück. Noch viele Jahre lebte er unbehelligt in Wilmersdorf und genoss seinen Reichtum. Aber als die Gesundheit immer mehr nachließ und er sich aufs Sterben vorbereiten musste, gab er einem treuen Diener eine letzte Anweisung. Unter Brants Aufsicht musste der Diener eine schwere Eichtruhe im nahe liegenden Wilmersdorfer See versenken. Mit der Truhe versanken mögliche Beweise seiner früheren grausigen Tätigkeit als Seeräuber. Nur ein einziges Mal wurde versucht, die Truhe mit all ihren Kostbarkeiten zu bergen. Man hatte sie bereits mit Stricken bis an die Wasseroberfläche gezogen, da rutschte sie aus der Verschnürung und glitt auf Nimmerwiedersehen in die Tiefe.

Der Wilmersdorfer See umfasste noch 1912 eine 38.000 m² große Wasserfläche. Doch er verlandete rasch und wurde nach dem Ersten Weltkrieg endgültig zugeschüttet und in einen Park umgewandelt. Der ehemalige Wilmersdorfer See gab dem Park in den ersten Jahren den Namen „Seepark“. Heute ist nur noch ein Teil des ehemaligen Gewässers vorhanden – und Wilmersdorf längst ein Bezirk Berlins geworden, mit Hochhäusern und stark befahrenen Straßen. Lediglich die stets absinkende Rasenfläche des „Volksparks Wilmersdorf“ erinnert noch daran, dass hier einmal ein großer See war. Der Schatz des „Roten Brant“ soll heute noch dort ruhen.

Erstveröffentlichung in „Adlershofer Flossenblätter“ Ausgabe 62/2006.

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