Auf den Grund gegangen - Die Geschichte der Kaffenkähne

Auf den Grund gegangen - Die Geschichte der KaffenkähneBerlin war im 18. und 19. Jahrhundert im Wachstum begriffen. Der Werbellinsee war ein Teil einer Wasserstraße, auf dem Ton, Pflastersteine und Ziegel mit Schiffen in die Hauptstadt verbracht wurden. Viele der Holzwracks im Werbellinsee sind sogenannte „Finowmaßkähne“ von etwa 3 bis 4 m Breite und 30 bis 40 m Länge mit einem Ladevolumen bis 150 t. Diese Lastkähne brachten nach der Fertigstellung des Finowkanals im Jahre 1746 und des Werbellinkanals im Jahre 1766 Baustoffe nach Berlin.

Die Bezeichnung „Kaffenkahn“ ist auf die Bauart der Schiffe zurückzuführen. Die einfach gebauten Holzschiffe hatten keinen Steven, sondern an den Schiffsenden hochgezogene Bodenplanken, an die seitlich die Planken befestigt waren. Das so entstandene Schiffsende wurde „Kaffe“ genannt und gab den Schiffen schließlich den Namen. Das eigentümliche Zusammenfügen von Boden- und Seitenplanken und ihr Aufbiegen zur Kaffenspitze hatte mehrere Vorteile: Mangels Kommandobrücke konnte der Mann am Ruder bei hoch gestapelter Decksladung den Bug nicht sehen. Er musste aber auf dem windungsreichen Wasserstraßen des Binnenlandes sehr genau steuern. Deshalb bog man die Kaffenspitze so weit auf, dass sie über die Ladungsstapel hinweg dem Rudergänger als Peilung und Fixpunkt dienen konnte.

Die zunächst einfach nur sinnvolle Konstruktion entwickelte sich jedoch schon bald zu einem Statussymbol. Die Kaffenspitze konnte gar nicht dick und hoch genug sein, um Wohlstand zu repräsentieren und sich ein wenig von anderen Schiffen abzuheben. Bald war es soweit, dass nicht allein der Mast, sondern auch die Kaffenspitze bei Brückenfahrten störte. Aber auf das gute Stück konnten die Schiffer unmöglich verzichten und so war bald die Knickkaffe erfunden: Eine hoch aufragende Schiffsspitze, die sich bei Bedarf nach hinten umklappen ließ.

Meist wurden offene Kähne gefahren. „Gelebt“ wurde auf oder unter der Ladung. Hüttenaufbauten dienten eher dem Schutz der Ladung als der Besatzung. Vor- und Achterschiff waren oft mit einem kurzen Schoffdeck gedeckt. Holzpoller und Reppfähle waren zum Zulegen des Tauwerks vorhanden. Der Anker hing an der Steuerbordseite des Kaffenschnabels. Erst etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts wohnten Familien auf ihren Kähnen. Butzen oder Buden wurden üblich und die Schiffsenden stumpfer, um das Ladevolumen zu erhöhen.

Wie es in historischen Überlieferungen heißt, waren die Lastkähne meist völlig mit Ton beladen und fuhren mit ein bis zwei Handbreit Freibord. Die Schiffer konnten einen Zusatzverdienst erzielen, wenn sie auf die Tonladung obenauf lose Steine schichteten, die in Berlin bis zu einem halben Pfennig je Stein gebracht haben sollen. Andere Kahnwracks wiederum sind mit exakt geschichteten Dachziegeln beladen. Diese Dachziegel tragen eingebrannt oft interessante Siegel oder Werksstempel.

Bei Kanalfahrten war die Überladung nahezu risikolos. Wenn es jedoch auf dem riesigen Werbellinsee plötzlich aufbriste, wurde es gefährlich. Mit zu wenig Freibord bei voller Beladung hatten die Kaffenkähne bei schnell aufkommenden Seegang oder plötzlichen Böen keine Chance. So mancher Schiffer hat dann eiligst seine Steine über Bord geworfen, um damit seinen Kahn zu erleichtern. Oft war es jedoch zu spät. Soweit die Pflaster- oder Mauersteine nicht völlig im Sandgrund verschwunden sind, weisen sie uns den Weg zu den Untergangsstellen. Man braucht nur noch der Steinspur in die Tiefe zu folgen um auf die Wracks zu treffen.

Am „Dornbusch“ befindet sich das Wrack eines um 1860 gesunkenen Kaffenkahns. Wahrscheinlich lief der offene Kahn bei starkem Gewitter voll und begann zu sinken. Vor der Landzunge am Dornbusch wurde versucht das rettende Ufer zu erreichen, was offensichtlich misslang. Nun liegt das Wrack schräg abfallend in einer Tiefe von 32 m. Der Kahn selbst ist etwas mehr als 30 m lang, das Holz noch sehr schön hellrot.

Mehrere Wracks liegen am „Kap Hoorn“. In engeren Umkreis liegen hier allein vier Kaffenkähne. Unter Leitung des „Museums für Verkehr und Technik“ wurden im Mai 1990 zwei Wracks kartiert und vermessen sowie über 100 Gebrauchsgegenstände geborgen. Das Spektrum der geborgenen Fundstücke reichte vom kleinen Messingknopf und einem Fingerhut bis zu einem gusseisernen Ofen. Zum Ofen als Heiz- und Kochmöglichkeit gehörten auch vier Metallgefäße. Besonders erfreulich war die gute Erhaltung von organischem Material. Neben elegant geschnittenen Stiefeln kamen Seile und Holzteile bis hin zum Bilderrahmen ans Tageslicht. Die zeitliche Einordnung wird durch einen Teller mit der Jahreszahl 1854 erleichtert. Der mit Ton beladene Kaffenkahn dürfte demnach in der 60er oder 70er Jahren des 19. Jahrhunderts auf den Grund des Sees gesunken sein.

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