Afghanistan ist ein zerklüftetes Hochgebirgsland im Herzen Asiens. Nur ein kleiner Teil liegt tiefer als 1200 Meter, und mache Gegenden sind kaum erforscht. Früher pilgerten junge Hippies aus Europa, Amerika und Australien zu Hunderttausenden nach Afghanistan. Das wilde, ungebändigte Land symbolisierte eine grenzenlose Freiheit. Zur Verwirklichung ihres Lebenstraums wollten sie Afghanistan primitiv lassen, um es sozusagen als „Museum des Mittelalters“ zu erhalten. Es war „In“ nach Afghanistan zu reisen und sich die Leute dort anzuschauen.
Seit Ende der siebziger Jahre wurde die Einreise aber immer schwieriger. Seit 1978 herrscht in Afghanistan Krieg. Er brach nach einem Putsch linksgerichteter Offiziere aus. 1979 marschierten sowjetische Truppen ein. Heute hat sich das Land von der übrigen Welt völlig isoliert. Um so interessanter war es für mich, Ende der achtziger Jahre Afghanistan für zwei Wochen zu besuchen.
Ankunft in Kabul
Der knapp zweistündige Flug von Taschkent nach Kabul war angenehm ruhig. Aus dem Flugzeug schaute ich auf die bis zu 7500 Meter aufragenden, schroffen Gipfel des Hindukusch. Dieser 600 km lange Gebirgszug, der sich vom Pamir und Karakorum im Nordosten bis zum Kuh-i-Baba-Gebirge im Westen erstreckt, bildet die westliche Fortsetzung des Himalaja. Er zieht sich als gewaltige Barriere quer durch das Land. Der Hindukusch nimmt zwei Drittel der Fläche Afghanistans ein. In der Hauptkette erreichen mindestens 20 Gipfel Höhen über 7000 Meter. Stumm betrachtete ich die überwältigende Landschaft.
Dann plötzlich tauchte zwischen den schneebedeckten Bergen ein Talkessel auf. Unbeschreiblich schön sah Kabul aus der Luft aus: goldbrauner Sand und viele kleine Häuser aus Lehm. Als ich nach Kabul flog, war das Genfer Afghanistan-Abkommen, dass den vollständigen Rückzug der sowjetischen Besatzungstruppe einleitete, noch nicht in Kraft. Der Widerstandskampf der Mudschaheddin – der „Heiligen Krieger“ war in vollem Gange. Sie schossen aus den umliegenden Bergen Kabuls immer wieder mit Stinger-Raketen auf landende Flugzeuge. Da diese Raketen auf Wärmeabgabe reagierten, wurden von unserer Maschine entzündete Magnesiumkugel abgeworfen.
Um eine sichere Landung zu gewährleisten wurden wir zusätzlich während des Landeanflugs von einer Armada russischer Mi-24 Kampfhubschrauber begleitet. Diese hatten den Ruf „fliegende Panzer“ zu sein und wurden ausschließlich zum Feuerschutz in Kampfhandlungen eingesetzt. Unsere Landung verlief aber glücklicherweise ohne Zwischenfälle.
Besuch in der Hauptstadt
Kabul war schön gegen Ende des Winters, besonders wenn die späte Nachmittagssonne über Persien versank. Die Stadt liegt beiderseits des gleichnamigen Flusses in einem rings von hohen Gebirgen umgebenen Hochtal. Die Stadt liegt 1830 Meter über dem Meer, auf einem Hochplateau inmitten zerklüfteter Berge. Sie war schon 3000 vor Christus ein wichtiger Karawanentreffpunkt. Hier trafen sich die Händlerkarawanen, die auf der Seidenstraße unterwegs waren. In strategisch günstiger Lage beherrscht Kabul die Passtrassen vom Industiefland über den Khaiberpass ins iranische Hochland. Über diese Straße zog einst Alexander der Große mit seinem Heer nach Indien. In umgekehrter Richtung marschierten zu beginn des 16. Jahrhunderts Truppen des Mongulkaisers Babur nach Afghanistan und eroberten die Stadt. Sein Grab liegt am westlichen Stadtrand.
Während des ersten Afghanistankrieges wurde Kabul 1842 von den Briten besetzt und teilweise zerstört. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließ Emir Adber-Rahman Khan die Stadt nach modernen Plänen wiedererrichten.
Die Wahrzeichen Kabuls sind zwei Hügel, über die sich die Stadtmauer zieht: Koh-i-Asmai (Berg des Himmels) und Koh-i-Scher-Darwesa (Berg des Löwentors). Dazwischen liegt ein Meer von ein- bis zweistöckigen, schmucklosen Häusern, und in der Mitte der Kabul-Fluss. Die Shar-i-Nau, die Neustadt, zieht sich am linken Flussufer bis zum Flugplatz hin. In der Neustadt liegen die europäisch geprägten Ministerien, Banken, Botschaften und Hotels.
Kabul – das ist für mich vor allem die Chicken-Street, das Einkaufszentrum. Hier musste um alles gehandelt werden; die Preise waren mindestens um 100 % zu hoch angegeben. Es gibt Restaurants, Friseure und Kleidergeschäfte; alles sehr einfach.
Auf den Straßen fahren alte japanische Autos und überall sah ich zitronengelbe, klapperige Taxis. Immer wieder fielen mir uralte, buntbemalte Trucks aus. Die Fahrer glauben, durch die bunte Bemalung den „Bösen Blick“, der von Hexen, Furien und Dämonen ausgesandt wird, fernzuhalten.
An den Berghängen beginnt das Wohnviertel für die meisten Einheimischen. Ich ging nicht hinein, aber was ich aus einiger Entfernung sah, reichte durchaus. Straßen waren nicht erkennbar, Stromleitungen oder ähnliches sowieso nicht. Die meisten Fenster sind fensterlos, haben höchstens ein Tuch vor einer Maueröffnung.
Gleich neben der Altstadt besuchte ich einen Friedhof. Ich stellte fest, dass die Grabsteine nur einfache unbearbeitete Steinplatten stehen, auf denen nicht einmal der Name des Verstorbenen vermerkt ist. Stehen diese Steinplatten parallel, so handelt es sich um das Grab eines Mannes, stehen sie im rechten Winkel zueinander, um das einer Frau. Überall neben den namenlosen Gräbern befanden sich rote, grüne und schwarze Fahnen. Diese Farben symbolisieren Kampf, Unabhängigkeit und Freiheit.
Ein Land im Zeichen des Krieges
Als ich nach Afghanistan reiste, stand das Land ganz und gar im Zeichen des Krieges. Die afghanischen Widerstandskämpfer bekämpften mit aller Härte das von der Roten Armee gestützte Nadschibullah-Regime. Obwohl die Hauptstadt seit Jahren eingekesselt war und immer wieder aus den umliegenden Bergen beschossen wurde, ging das Leben weiter. Es schien, als hätten sich die Menschen längst an das Donnern gewöhnt. Sie saßen am Straßenland und tranken süßen Tee. Meine intensivste Erfahrung mit dem Krieg machte ich bei einem Ausflug zum Garka-Lake, als in unmittelbarer Nähe mehrmals geschossen wurde.
Die afghanische Tragödie hat eine lange Geschichte: Afghanistan ist seit alters her Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen. Hier fiel nicht nur Alexander der Große ein, sondern auch die Horden Tschingis Chans überfluteten das Land, zerstörten die Städte und töteten oder verschleppten die Einwohner. Im 19. Jahrhundert wurde Afghanistan zum Pufferstaat zwischen dem britischen Empire und dem zaristischen Russland. Die Briten kämpften dreimal um die Kontrolle des Khaiberpasses, der die Verbindung nach Indien und Russland herstellt. Als sie 1839 erstmals in Afghanistan einmarschierten, kehrten von den 27.000 Briten und Indern aber nur ein einziger Mann zurück. Bei ihrem zweiten Angriff auf Afghanistan waren die Briten besser ausgerüstet. Rasch eroberten sie Kabul und diktierten den Afghanen ihre Bedingungen. Afghanistan wurde britisches Protektorat. 1893 wurde das Land durch die sogenannte Durandlinie geteilt und das südliche Gebiet der indischen Kronkolonie einverleibt. Im dritten afghanisch-britischen Krieg (1919) waren die Afghanen siegreich und das Land erhielt seine nationale Souveränität zurück.
Bis 1973 war Afghanistan ein Königreich. In diesem Jahr entmachtete Mohammad Daud Khan seinen königlichen Vetter, Mohammed Zahir Schah, rief die Republik aus und ernannte sich selbst zum Präsidenten mit diktatorischen Vollmachten. Fünf Jahre später fielen er selbst und seine ganze Familie einem Putsch der kommunistischen Demokratischen Volkspartei Afghanistans unter Führung Nur Mohammed Tarakis zum Opfer. Die Kommunisten versuchten die Stammesgesellschaft Afghanistans binnen kurzer Zeit mit Gewalt in einen modernen zentralistischen Staat sozialistischer Prägung umzuwandeln. Ein umfangreiches Wirtschafts- und Bildungsprogramm sowie eine Bodenreform wurden in Angriff genommen. Der regionale Widerstand der Stämme und Dörfer wuchs bald zu einer mächtigen bewaffneten Rebellion. Um das sozialistische Regime zu unterstützen, überschritten am 27. Dezember 1979 sowjetische Truppen die Grenze und besetzten das Land. Der Einmarsch der Roten Armee, notdürftig legitimiert durch ein sowjetisch-afghanisches Beistandsabkommen, sollte die Regierung unter Babrak Kamal stützen. Viele der stolzen Afghanen, die traditionell mit dem Gewehr aufgewachsen sind, haben sich nun zu Widerstandsgruppen zusammengeschlossen und begannen einen erbitterten Guerillakrieg gegen die sowjetischen Besatzer.
Buzkashi – Kälberpolo
Das kriegerische Wesen der afghanischen Stämme spiegelt sich in ihrem traditionellen Zeitvertreib wieder. Der Nationalsport in Afghanistan heißt Buzkashi und wird mit zwei gegnerischen Mannschaften aus mehreren Reitern gespielt, die miteinander darum wetteifern, den Boz, einen enthaupteten Körper eines toten Kalbes, von einem Ende des Spielfeldes zum zwei Kilometer entfernten anderen Ende des Feldes zu bringen. Wenn das Spiel beginnt, galoppieren die Reiterteams auf das geköpfte Kalb, das in einem Halbkreis liegt, zu und die Zuschauer rennen schreiend zu allen Seiten davon. Der Spieler, der sich im Besitz des Kalbes befindet, muss sich gegen die gegnerischen Angriffe durchsetzen, ohne das Kalb fallen zu lassen. Buzkashi ist ein sehr raues, gelegentlich sogar gefährliches Spiel, das extrem hohe Anforderungen an die Reiter stellt. Es wird behauptet, dass es während des Krieges gegen die russischen Truppen mit geköpften Sowjetsoldaten gespielt wurde. Unter dem Taliban-Regime war das Spiel verboten.
Das Klima Afghanistans ist extrem kontinental. Im Sommer steigen die Temperaturen im Süden bis auf 49 °C, im Winter fallen sie im Gebirge auf minus 26 °C. Die Schwankungen können an einem Tag bis zu 30 °C betragen. Der Südwesten wird im Sommer häufig von schweren Sandstürmen heimgesucht. Die afghanische Wüste ist eine ungeheuerliche Einöde, über die unaufhörlich der Wind heult. Jahr für Jahr fordert sie ihre Opfer und nicht zu Unrecht hat die afghanische Wüste daher auch ihren Namen: Dascht-i-Margo, die Todeswüste.
